Silberbesen und Besen ohne Haare
Zwei Besen an einer Wand. Mehr konnte ich darin lange Zeit nicht sehen.

Meine Begegnung
Vor mehr als zwanzig Jahren besuchte ich in München eine Kunstausstellung. Ich war gekommen, um große Kunst zu sehen – Bilder und Skulpturen, deren Können und Bedeutung ich unmittelbar erkennen konnte.
Dann stand ich vor zwei Besen an einer Wand. Einer hatte Borsten, der andere nicht. Mein erster Gedanke war: Das ist ja wohl ein Witz. Wie kann man so etwas ernsthaft als Kunst bezeichnen?
Damals war Kunst für mich vor allem das, was etwas erkennbar darstellte: ein gegenständliches Bild, eine wirklichkeitsnahe Zeichnung oder eine Skulptur, deren handwerkliche Leistung sichtbar wurde. Sobald ein Werk abstrakter war oder sich sein Sinn erst durch einen Gedanken erschließen sollte, fand ich keinen Zugang dazu. In diesen beiden Besen fand mein Unverständnis seinen deutlichsten Ausdruck. Vielleicht sind sie mir gerade deshalb mehr als zwanzig Jahre im Gedächtnis geblieben.
Erst während der Arbeit an diesem Projekt begann ich nachzulesen. Ich erfuhr von Joseph Beuys’ Kunstaktion „Ausfegen“ und von den Gedanken, die er mit Materialien, Reinigung und gesellschaftlicher Veränderung verband. Plötzlich waren die Besen für mich nicht mehr nur zwei Gegenstände an einer Museumswand. Hinter ihnen öffnete sich eine Geschichte, die ich damals nicht hatte sehen können.
Damit fand ich nicht nur einen Zugang zu diesem Werk, sondern auch zu Joseph Beuys und seinem Lebenswerk. Dieser neue Blick ist nicht langsam über viele Jahre gewachsen. Noch vor wenigen Tagen wusste ich nichts von diesen Zusammenhängen.
Die Kunst war damals schon da. Ich konnte sie nur noch nicht erkennen.
Zwei Besen nach einer Aktion
„Silberbesen und Besen ohne Haare“ entstand 1972 im Zusammenhang mit Joseph Beuys’ Aktion „Ausfegen“. Nach einer Demonstration zum 1. Mai fegte Beuys gemeinsam mit Helfern den Berliner Karl-Marx-Platz; der zusammengekehrte Unrat und die verwendeten Besen wurden Teil der künstlerischen Arbeit.
Das spätere Objekt verbindet einen mit Silber ummantelten Rosshaarbesen mit einem massiven Kupferbesen, dessen Borsten durch Filz ersetzt sind. Wer nur die beiden Gegenstände im Museum sieht, sieht deshalb nicht automatisch die Handlung, aus der sie hervorgegangen sind – und genau diese Lücke bestimmte meine erste Begegnung.
Die Stimme meines damaligen Ichs
„Kunststück“ erzählt bewusst nicht aus meiner heutigen Perspektive. Der Song bewahrt den spöttischen, unmittelbaren Blick des Besuchers, der vor mehr als zwanzig Jahren nur zwei Besen sah:
- Er kommt mit der Erwartung sichtbarer Größe und handwerklicher Meisterschaft ins Museum.
- Die gewöhnlichen Gegenstände erscheinen ihm lächerlich, die Beleuchtung und der bezahlte Eintritt steigern seinen Widerstand.
- Was er nicht erkennt, erklärt er für nicht vorhanden.
- Die Abstellkammer wird zur Pointe seiner damaligen Vorstellung, jeder Alltagsgegenstand könne nun Kunst sein.
Der Refrain ist daher kein abschließendes Urteil über Beuys. Er hält einen früheren Irrtum fest, damit die spätere Veränderung des Blicks sichtbar wird.
Kunststück
Der Song bewahrt die direkte, spöttische Stimme meines damaligen Ichs. Der heutige Blick folgt in der Geschichte.
Strophe 01
Ich kam um große Kunst zu sehn Und staunend vor den Werken zu stehn Doch was mir hier entgegen tritt Das nimmt man sonst zum Kehren mit
Strophe 02
Der eine trägt noch stolz sein Haar Der andre kehrt wohl unsichtbar Man stellt sie an die weiße Wand Und nennt das Ganze weltbekannt
Refrain
Zwei Besen an der Wand Und ich hab Eintritt bezahlt Einer kehrt nicht, einer kann nicht Doch beide werden angestrahlt
Nennt ihr das ein Kunststück Dann bin ich wohl zu schlicht Zwei Besen an der Wand Mehr seh ich darin nicht
Strophe 03
Kein Pinselstrich, kein Meisselschlag Kein Können, das ich sehen mag Man nimmt zwei Dinge, stellt sie hin Und sagt, darin läge ein tieferer Sinn
Strophe 04
Wer nichts erkennt, hat nichts kapiert Wird lächelnd einfach aussortiert Und wenn das hier schon Kunst sein soll Ist meine Abstellkammer voll
KI-generierte Bildinterpretationen zum Song; frei gestaltete Szenen, keine dokumentarischen Aufnahmen des Originalwerks.

Was hatte ich erwartet, bevor ich die beiden Besen sah?
Ich kam um große Kunst zu sehn Und staunend vor den Werken zu stehn Doch was mir hier entgegen tritt Das nimmt man sonst zum Kehren mitIch kam mit einer festen Vorstellung davon, wie Kunst aussehen musste.

Was sah ich – und was blieb für mich unsichtbar?
Der eine trägt noch stolz sein Haar Der andre kehrt wohl unsichtbar Man stellt sie an die weiße Wand Und nennt das Ganze weltbekanntIch sah zwei Besen. Ihre Geschichte sah ich nicht.

Was bleibt von einem Werk, wenn man seinen Gedanken nicht erkennen kann?
Kein Pinselstrich, kein Meisselschlag Kein Können, das ich sehen mag Man nimmt zwei Dinge, stellt sie hin Und sagt, darin läge ein tieferer SinnWo ich kein sichtbares Können fand, vermutete ich auch keine Kunst.

Wer entscheidet, wann ein gewöhnlicher Gegenstand zu Kunst wird?
Wer nichts erkennt, hat nichts kapiert Wird lächelnd einfach aussortiert Und wenn das hier schon Kunst sein soll Ist meine Abstellkammer vollDamals war das mein Urteil. Heute ist es der Anfang einer neuen Frage.