Baba Jaga
Ein ferner Klang ist mir geblieben.

Meine Begegnung
Als Jugendlicher saß ich bei meinem Cousin und hörte Tarkus von Emerson, Lake & Palmer. Es war meine erste Begegnung mit einem Konzeptalbum. Schon damals packte mich die Idee, irgendwann selbst eines zu machen.
In den 70er Jahren hörten wir im Musikunterricht Mussorgskys Bilder einer Ausstellung. Über ein oder zwei Mitschüler kam auch die Rockbearbeitung von Emerson, Lake & Palmer ins Gespräch. Die Verbindung von Bildern und Musik beeindruckte mich. Wie besonders diese Begegnung für mich war, habe ich erst viel später verstanden.
Der alte Wunsch kam durch William Gibsons Kurzgeschichte Burning Chrome zurück. Ihre intensive Atmosphäre und ihre verdichtete Dramatik ließen mich nicht los: Für mich erzählt sie von zwei Verlierern, die alles gewinnen und am Ende doch wieder alles verlieren. Ich hatte Literatur als Vorlage für Filme kennengelernt. Warum sollte man eine Geschichte nicht auch vertonen?
Ich entdeckte meine Leidenschaft für die Musikproduktion, begann selbst zu komponieren und Instrumente einzuspielen. Später absolvierte ich ein Studium am HOFA College. Schließlich erarbeiteten wir das Album zu dritt; für den Gesang holten wir weitere Unterstützung dazu. Aus der Geschichte wurden 18 Songs.
Sieben Jahre haben wir daran gearbeitet. Alles wurde von Hand eingespielt, neben Beruf und Familie. Wir waren alle drei Perfektionisten und blieben trotzdem dran. Mit dem fertigen Album und der Eröffnung meines eigenen Tonstudios wurde nach fast 50 Jahren ein Traum Wirklichkeit.
Für dieses Projekt erinnerte ich mich wieder an Bilder einer Ausstellung. Die Hütte der Baba Jaga steht hier für diese Begegnung und die Wege, die von Bildern zu Musik und schließlich zum eigenen Schaffen führen. Die Geschichte des Besuchers im Song ist frei erfunden. In seiner Freude und seinem Gefühl des Ankommens finde ich etwas von meiner eigenen Geschichte wieder.
Vom Entwurf zur Musik
Viktor Hartmann entwarf um 1870 eine reich verzierte Uhr in Gestalt der Hütte der Baba Jaga auf Hühnerbeinen. Die hier gezeigte historische Vorlage ist dieser Entwurf.
Modest Mussorgsky ließ sich von Hartmanns Arbeiten zu Bilder einer Ausstellung inspirieren. Der 1874 entstandene Klavierzyklus enthält den Satz Die Hütte auf Hühnerfüßen (Baba Jaga). Emerson, Lake & Palmer übertrugen die Vorlage später in ihre Rockbearbeitung Pictures at an Exhibition.
In unserem Song wird die Hütte zum Ort einer eigenen fantastischen Erzählung: Ein Besucher hört eine Melodie, vergisst ihren Ursprung und findet erst Jahrzehnte später ihre Fortsetzung.
Die Fortsetzung finden
Ein junger Besucher entdeckt ein groteskes Haus. Aus dem Innern dringen Klaviertöne. Er hört zu und geht weiter, ohne zu ahnen, welche Welt ihm die Musik eröffnen könnte.
Der Anfang der Melodie bleibt ihm erhalten. Im Alltag taucht er beiläufig auf, während seine Herkunft verblasst. Erst viel später sieht der Erzähler die Hütte wieder. Er tritt ein, findet Instrumente, setzt sich ans Klavier und spielt über den vertrauten Anfang hinaus.
Die Fortsetzung verbindet das Erinnern mit dem eigenen Tun. Am Ende stehen Freude und das Gefühl, angekommen zu sein. Mein Gedanke dazu lautet: Musik ist, ähnlich wie die Mathematik, nach oben offen.
Baba Jaga
Der vollständige Liedtext: ein Anfang, der bleibt, und eine Fortsetzung, die erst viel später entsteht.
Strophe 01
Was ich da sehe wirkt grotesk entstellt Ein schiefes Dach und die Wände schräg gestellt, blicken Fenster seltsam in die Welt, ich bleibe stehen, höre etwas klingen, Töne, die nach draußen dringen.
Strophe 02
Ich war ganz auf mich allein gestellt Eine Melodie dringt leis heraus Doch niemand zeigt sich in dem schrägen Haus Ich klopfe an und schaue dann hinein dann geh ich weiter — lass den Klang allein.
Pre-Chorus 1
Ich nehme nur den Anfang mit, weiß nichts von dem, was in ihm liegt.
Ein kurzer Klang, ein kleiner Schritt, bevor mein Weg sich weiterzieht.
Chorus 1
Ein ferner Klang ist mir geblieben, wo ich ihn hörte weiß ich nicht.
Ein Anfang nur in mir geschrieben, doch die Erinnerung zeigt kein Gesicht.
Strophe 03
Ich merke kaum wie die Zeit vergeht ich hab viel zu tun, ein alter Klang … scheint irgendwo zu ruh’n.
Ich summe leise, weiß nicht mehr, woher, frag nicht danach der Tag verlangt schon mehr.
Pre-Chorus 2
Dann ist der Klang vom Alltag überdeckt, bis er ganz nebenbei die Neugier weckt.
Ich hör den Anfang wie er damals war, was danach kommt bleibt offen, Jahr um Jahr.
Chorus 2
Ein ferner Klang ist mir geblieben, wo ich ihn hörte weiß ich nicht.
Ein Anfang nur in mir geschrieben, doch die Erinnerung zeigt kein Gesicht.
Pre-Chorus 3
Auf einmal seh ich dieses Dach vor mir, die schrägen Wände und die alte Tür.
Ich trete ein und bleibe staunend steh’n, so viele Instrumente rings um mich zu seh’n.
Finaler Chorus
Ich setze mich der Anfang kommt zurück, die Hände finden weiter, Stück für Stück.
Ich spiele weiter erkenne von allein, nach all den Jahren angekommen zu sein.
Vier Stationen einer Melodie
Vier KI-generierte Bildinterpretationen zur frei erfundenen Geschichte des Songs. Die Figuren sind keine Porträts.

Ein Haus, das neugierig macht
Was ich da sehe wirkt grotesk entstellt

Was im Alltag bleibt
Dann ist der Klang vom Alltag überdeckt,

Hinter der alten Tür
Ich trete ein und bleibe staunend steh’n,

Die Hände finden weiter
nach all den Jahren angekommen zu sein.