Zehn Werke
Werk 08 / 10
Viktor Hartmann
Uhrenentwurf · um 1870
Song: Baba Jaga
Was hinter dem Anfang liegt

Baba Jaga

Ein ferner Klang ist mir geblieben.

Viktor Hartmanns historischer Entwurf einer verzierten Uhr in Form der Hütte auf Hühnerbeinen
Viktor Hartmann · Die Hütte auf Hühnerbeinen · Uhrenentwurf · um 1870
Historische Originalvorlage: Viktor Hartmann · Reproduktion via Wikimedia Commons / Yms · Scan aus E. N. Abyzova, Bilder einer Ausstellung, 1987 · gemeinfrei / Public Domain Mark · vollständig und unverändert.

Meine Begegnung

Als Jugendlicher saß ich bei meinem Cousin und hörte Tarkus von Emerson, Lake & Palmer. Es war meine erste Begegnung mit einem Konzeptalbum. Schon damals packte mich die Idee, irgendwann selbst eines zu machen.

In den 70er Jahren hörten wir im Musikunterricht Mussorgskys Bilder einer Ausstellung. Über ein oder zwei Mitschüler kam auch die Rockbearbeitung von Emerson, Lake & Palmer ins Gespräch. Die Verbindung von Bildern und Musik beeindruckte mich. Wie besonders diese Begegnung für mich war, habe ich erst viel später verstanden.

Der alte Wunsch kam durch William Gibsons Kurzgeschichte Burning Chrome zurück. Ihre intensive Atmosphäre und ihre verdichtete Dramatik ließen mich nicht los: Für mich erzählt sie von zwei Verlierern, die alles gewinnen und am Ende doch wieder alles verlieren. Ich hatte Literatur als Vorlage für Filme kennengelernt. Warum sollte man eine Geschichte nicht auch vertonen?

Ich entdeckte meine Leidenschaft für die Musikproduktion, begann selbst zu komponieren und Instrumente einzuspielen. Später absolvierte ich ein Studium am HOFA College. Schließlich erarbeiteten wir das Album zu dritt; für den Gesang holten wir weitere Unterstützung dazu. Aus der Geschichte wurden 18 Songs.

Sieben Jahre haben wir daran gearbeitet. Alles wurde von Hand eingespielt, neben Beruf und Familie. Wir waren alle drei Perfektionisten und blieben trotzdem dran. Mit dem fertigen Album und der Eröffnung meines eigenen Tonstudios wurde nach fast 50 Jahren ein Traum Wirklichkeit.

Für dieses Projekt erinnerte ich mich wieder an Bilder einer Ausstellung. Die Hütte der Baba Jaga steht hier für diese Begegnung und die Wege, die von Bildern zu Musik und schließlich zum eigenen Schaffen führen. Die Geschichte des Besuchers im Song ist frei erfunden. In seiner Freude und seinem Gefühl des Ankommens finde ich etwas von meiner eigenen Geschichte wieder.

Das Werk im Kontext

Vom Entwurf zur Musik

Viktor Hartmann entwarf um 1870 eine reich verzierte Uhr in Gestalt der Hütte der Baba Jaga auf Hühnerbeinen. Die hier gezeigte historische Vorlage ist dieser Entwurf.

Modest Mussorgsky ließ sich von Hartmanns Arbeiten zu Bilder einer Ausstellung inspirieren. Der 1874 entstandene Klavierzyklus enthält den Satz Die Hütte auf Hühnerfüßen (Baba Jaga). Emerson, Lake & Palmer übertrugen die Vorlage später in ihre Rockbearbeitung Pictures at an Exhibition.

In unserem Song wird die Hütte zum Ort einer eigenen fantastischen Erzählung: Ein Besucher hört eine Melodie, vergisst ihren Ursprung und findet erst Jahrzehnte später ihre Fortsetzung.

Was der Song erzählt

Die Fortsetzung finden

Ein junger Besucher entdeckt ein groteskes Haus. Aus dem Innern dringen Klaviertöne. Er hört zu und geht weiter, ohne zu ahnen, welche Welt ihm die Musik eröffnen könnte.

Der Anfang der Melodie bleibt ihm erhalten. Im Alltag taucht er beiläufig auf, während seine Herkunft verblasst. Erst viel später sieht der Erzähler die Hütte wieder. Er tritt ein, findet Instrumente, setzt sich ans Klavier und spielt über den vertrauten Anfang hinaus.

Die Fortsetzung verbindet das Erinnern mit dem eigenen Tun. Am Ende stehen Freude und das Gefühl, angekommen zu sein. Mein Gedanke dazu lautet: Musik ist, ähnlich wie die Mathematik, nach oben offen.

Regal Fairies · The Silent Gallery

Baba Jaga

Der vollständige Liedtext: ein Anfang, der bleibt, und eine Fortsetzung, die erst viel später entsteht.

Song 08 · Baba Jaga
4:32 · vollständiger Liedtext

Strophe 01

Was ich da sehe wirkt grotesk entstellt Ein schiefes Dach und die Wände schräg gestellt, blicken Fenster seltsam in die Welt, ich bleibe stehen, höre etwas klingen, Töne, die nach draußen dringen.

Strophe 02

Ich war ganz auf mich allein gestellt Eine Melodie dringt leis heraus Doch niemand zeigt sich in dem schrägen Haus Ich klopfe an und schaue dann hinein dann geh ich weiter — lass den Klang allein.

Pre-Chorus 1

Ich nehme nur den Anfang mit, weiß nichts von dem, was in ihm liegt.

Ein kurzer Klang, ein kleiner Schritt, bevor mein Weg sich weiterzieht.

Chorus 1

Ein ferner Klang ist mir geblieben, wo ich ihn hörte weiß ich nicht.

Ein Anfang nur in mir geschrieben, doch die Erinnerung zeigt kein Gesicht.

Strophe 03

Ich merke kaum wie die Zeit vergeht ich hab viel zu tun, ein alter Klang … scheint irgendwo zu ruh’n.

Ich summe leise, weiß nicht mehr, woher, frag nicht danach der Tag verlangt schon mehr.

Pre-Chorus 2

Dann ist der Klang vom Alltag überdeckt, bis er ganz nebenbei die Neugier weckt.

Ich hör den Anfang wie er damals war, was danach kommt bleibt offen, Jahr um Jahr.

Chorus 2

Ein ferner Klang ist mir geblieben, wo ich ihn hörte weiß ich nicht.

Ein Anfang nur in mir geschrieben, doch die Erinnerung zeigt kein Gesicht.

Pre-Chorus 3

Auf einmal seh ich dieses Dach vor mir, die schrägen Wände und die alte Tür.

Ich trete ein und bleibe staunend steh’n, so viele Instrumente rings um mich zu seh’n.

Finaler Chorus

Ich setze mich der Anfang kommt zurück, die Hände finden weiter, Stück für Stück.

Ich spiele weiter erkenne von allein, nach all den Jahren angekommen zu sein.

Vom Song zum Bild

Vier Stationen einer Melodie

Vier KI-generierte Bildinterpretationen zur frei erfundenen Geschichte des Songs. Die Figuren sind keine Porträts.

Ein Jugendlicher entdeckt eine schiefe Hütte mit geheimnisvoll leuchtenden Fenstern
Die Begegnung

Ein Haus, das neugierig macht

Was ich da sehe wirkt grotesk entstellt

Ein Mann an einem Schreibtisch, im Fenster eine flüchtige Erinnerung an die Hütte
Der ferne Klang

Was im Alltag bleibt

Dann ist der Klang vom Alltag überdeckt,

Ein älterer Mann betritt die Hütte und entdeckt einen Raum voller Instrumente
Die Rückkehr

Hinter der alten Tür

Ich trete ein und bleibe staunend steh’n,

Ein älterer Mann spielt im warmen Licht der Hütte Klavier
Angekommen

Die Hände finden weiter

nach all den Jahren angekommen zu sein.

1834
—1873
Kurze Biografie

Viktor Hartmann

Viktor Hartmann (1834–1873) war ein russischer Künstler und Architekt. Er entwarf Gebäude, Bühnenausstattungen und kunsthandwerkliche Gegenstände. Sein Uhrenentwurf verbindet Architektur und ornamentale Gestaltung mit einem Motiv aus der slawischen Sagenwelt.

Nach seinem frühen Tod wurden seine Arbeiten in einer Gedächtnisausstellung gezeigt. Sein Freund Modest Mussorgsky nahm Werke Hartmanns zum Ausgangspunkt für Bilder einer Ausstellung. Dadurch leben einige dieser Entwürfe bis heute auch in musikalischer Form weiter.