The Silent Gallery
Werk 10 / 10 · Das letzte Kapitel
Albrecht Dürer · und meine Zeichnungen
Vom Betrachten zum eigenen Bild
Regal Fairies · The Silent Gallery
Regal Fairies · Werk 10

Ein Platz
an der Wand

Von Dürers Hasen zu meinen eigenen Zeichnungen.

Meine farbige Hasenzeichnung nach Dürer
Die eigene Hand

Mein Hase
nach Dürer.

Meine bisher letzte Zeichnung führt zum letzten Werk dieser Gallery – und zu einer Einladung, meine eigenen Bilder auszustellen.

Song 10 · Ein Platz an der Wand · 4:42

Ein Platz
an der Wand

Wenn ich Bilder betrachte, sehe ich heute genauer hin als früher. Wie fällt das Licht? Wo entsteht ein Schatten? Wie lassen ein paar Striche eine Oberfläche weich, rau oder glänzend erscheinen? Seit ich selbst zeichne, beschäftigen mich solche Fragen auch vor den Werken anderer.

Meine erste ernstzunehmende Zeichnung war eine Avocado. Eine ganze Frucht und eine aufgeschnittene Hälfte mit ihrem großen braunen Kern. Dass ausgerechnet dieses Bild später immer wieder als besonders realistisch bezeichnet wurde, erfreut mich bis heute, deshalb habe ich es für dieses letzte Kapitel mit ausgewählt.

Inzwischen sind ungefähr zwanzig Zeichnungen entstanden. Ich habe Gesichter gezeichnet, Tiere und Gegenstände. Am längsten habe ich an einem Porträt von Morgan Freeman gesessen. Es waren bestimmt 40 Stunden, in denen ich mich millimeterweise voranbewegt habe. Daher sollte es ebenfalls einen Platz in diesem Kapitel bekommen. Es waren auch einige Katzen dabei, von denen ich eine ausgewählt habe, außerdem einige Adler, aber auch eine zerdrückte Getränkedose. Jedes Motiv stellt andere Aufgaben. Haut braucht andere Übergänge als Metall, Fell andere Striche als Federn. Beim Zeichnen merke ich, wie viel genaues Hinsehen in etwas steckt, das auf den ersten Blick ganz selbstverständlich aussieht.

Manche meiner Zeichnungen haben kleine farbige Ergänzungen. Bei einer Katze leuchten die Augen türkisgrün, bei einem Adler setzt der gelbe Schnabel einen Akzent. Nachdem ich einer Collage mit vier Adlerköpfen farbige Nuancen beigefügt hatte, gefiel mir dieses Highlight in einem sonst schwarz-weißen Bild. Vielleicht entwickelt sich daraus einmal eine Art Wiedererkennungszeichen. Die meisten meiner Zeichnungen entstehen überwiegend aus Grafit und Kohle, und an einer ausgewählten Stelle kommt Farbe hinzu.

Meine bisher letzte Arbeit ist eine farbige Kopie von Dürers Hasen. Bei dieser Arbeit wurde mir deutlicher, wo ich meine eigenen Stärken sehe. Mit Kohle und Grafit erreiche ich inzwischen bei manchen Motiven eine Wirkung, die ich selbst als fotorealistisch empfinde. Meine Farbbilder finde ich gelungen, aber ich sehe bei ihnen noch mehr Abstand zu dem, was ich gerne können möchte. Der Hase hat mir geholfen, diesen Unterschied wahrzunehmen.

So steht er für mich am Ende dieser Gallery und zugleich mitten in meiner eigenen Entwicklung. Ich habe mich mit einem Werk beschäftigt, das ich bewundere, und versucht, es mit meiner Hand nachzuvollziehen. Dabei habe ich auch etwas über meine Fähigkeiten erfahren.

Wie kam es nun zum Thema dieses letzten Kapitels?

Bei einem Besuch in einem Café betrachtete ich die Zeichnungen an den Wänden. Die Besitzerin betreibt dort auch eine Galerie. Die ausgestellten Arbeiten gefielen mir, und stilistisch kamen sie meinen eigenen nahe. Auf demselben Niveau sah ich mich damals allerdings nicht.

Im Gespräch erzählte ich von meinem Schwiegervater. Er sei „ein richtiger Künstler“, sagte ich. Sie sollte sich doch einmal seine Bilder ansehen.

Einige Tage später besuchten mein Schwiegervater und ich sie gemeinsam. Die beiden wählten eine Anzahl Bilder aus seinem Atelier aus. Diese Arbeiten hängen inzwischen im Café. Bei einem späteren Besuch sagte die Besitzerin dann, dass sie auch meine Zeichnungen gerne ausstellen würde.

Für mich war das eine Art Erwachen. Die Einladung kam von einer Frau, die Kunst für diese Wände auswählt und deren Auswahl mich selbst angesprochen hatte. Sie hatte in meinen Arbeiten genug gesehen, um sie auch anderen Menschen zeigen zu wollen.

Meine Zeichnungen hängen dort noch nicht. Aber das Angebot ist ausgesprochen. Es gibt einen möglichen Platz für sie außerhalb meiner eigenen vier Wände.

Am Ende meines Weges durch diese Gallery stehen deshalb sechs meiner eigenen Arbeiten. Und zu diesen Bildern gehört nun eine Einladung, mit der ich damals im Café nicht gerechnet hatte: ein Platz an der Wand.

Meine Zeichnungen · Sechs Arbeiten

Von der Avocado
bis zum Hasen.

Meine erste und meine bisher letzte Zeichnung. Dazwischen: ein Porträt, Tiere und ein Gegenstand aus dem Alltag. Jedes Bild lässt sich durch Anklicken vergrößern.

Meine erste Zeichnung

Avocado

Porträt in Hell und Dunkel

Morgan Freeman

Ein gezielter Farbakzent

Die türkisen Augen

Falten, Licht und Metall

Die zerdrückte Dose

Grafit und Farbe

Der gelbe Schnabel

Meine bisher letzte Zeichnung

Mein Hase nach Dürer

Eigene Zeichnungen · Gezeigt werden KI-aufbereitete Ansichten der Originalfotos. Rahmen und Spiegelungen wurden entfernt; einzelne Zeichnungsdetails können abweichen.

Regal Fairies · The Silent Gallery

Ein Platz an der Wand

Der vollständige Liedtext zum letzten Song der Gallery. Die Motive bleiben in Andeutungen verborgen und erschließen sich im Zusammenspiel mit den Zeichnungen.

Song 10 · Ein Platz an der Wand
4:42 · vollständiger Liedtext

01 · Instrumentales Intro

Instrumental

02 · Strophe 1

Da liegt sie nun auf weißem Grund, ihr Kern erstrahlt im leichten Glanz. Wie Licht und Schatten Formen geben, verstand ich noch nicht ganz. Und doch gelang es mir so gut und gleich beim ersten Schritt. Ich staunte, fasste neuen Mut: Das macht meine Hand jetzt mit?

Wie viele Stunden dies Gesicht mich festhielt, bis tief in die Nacht. Und ständig ein „Das reicht noch nicht“, bis ein neuer Tag erwacht. Die Falten wuchsen Schicht um Schicht, ein graues Haar im weichen Licht. Ich nahm die Linien wieder fort und suchte sie am selben Ort.

03 · Pre Chorus 1

Ein letzter Strich im letzten Licht am kleinen Finger hängt die Nacht Ich heb das Blatt vor mein Gesicht und seh, was meine Hand gemacht.

04 · Chorus

Ein Platz an der Wand, wo Menschen kurz verweilen. Sich zwischen Ruhe und Gespräch den Blick auf meine Arbeit teilen. Hab sie Strich für Strich erstellt, ein Werk aus vielen Stunden. Und jemand hat nun einen Platz für diese Zeit gefunden.

05 · Strophe 2

Hinter Scheiben hing ein Bild, es blickte aufs Gescheh’n. Ich kannte diese Spuren, die während einer Nacht entsteh’n. Ich wollte eigentlich schon geh’n, doch sie sollte seine Bilder seh’n. So ging die erste Türe auf, und alles nahm dann seinen Lauf.

Wir kamen wieder in ihr Haus, die Idee war längst gebor’n. Und legten Bilder vor uns aus, die besten suchten wir nach vorn. Nun hängen seine Farben dort, wo meine Blicke einst geblieben. Ich trat ein kleines Stück zurück und blieb mit dem, was war, zufrieden.

06 · Pre Chorus 2

Doch schon beim nächsten Wiederseh’n, ich war schon fast beim Geh’n „Würd gern auch deine Bilder sehen.“ Ich ließ es einfach dann geschehen.

07 · Chorus

Ein Platz an der Wand, wo Menschen kurz verweilen. Sich zwischen Ruhe und Gespräch den Blick auf meine Arbeit teilen. Hab sie Strich für Strich erstellt, ein Werk aus vielen Stunden. Und jemand hat nun einen Platz für diese Zeit gefunden.

08 · Kurzes Instrumental

Instrumental

09 · Bridge

Ein Antlitz mit gefärbten Augen, eins mit einem gelben Mund. Ein bisschen Farbe blieb im Grau, ein Rest vom Licht der ersten Stund. Ein weiteres trägt Licht in Falten, bei einem sieht man jedes Haar. Versuchte Formen festzuhalten, bis aus den Strichen Leben war.

10 · Strophe 3

Ich kleidete ein letztes Bild in ein anderes Gewand. Ich folgte seinen feinen Spuren, bis meine Hand dazwischen schwand. In manchen Farben such ich weiter, mit dem Grau bin ich vertraut. Ich weiß, wie man aus dunklen Flächen einen hellen Körper baut.

Die Bilder lehnen noch im Raum, die Wand dort drüben wartet leer. Ich höre ihre Worte noch, sie kommen beim Betrachten her. Ich denke an den Schatten, als ich mein erstes Werk begann. Vielleicht seh ich die eignen Bilder jetzt mit andern Augen an.

11 · Pre Chorus 3

Ich halt das Blatt noch einmal hoch, das Fenster wirft sein Licht darauf. Da ist noch Platz für viele Formen. Ich schlage eine neue Seite auf.

12 · Chorus

Ein Platz an der Wand, wo Menschen kurz verweilen. Sich zwischen Ruhe und Gespräch den Blick auf meine Arbeit teilen. Hab sie Strich für Strich erstellt, ein Werk aus vielen Stunden. Und jemand hat nun einen Platz für diese Zeit gefunden.

13 · Outro

Die Blätter schweigen an der Wand, ein neuer Anfang kündigt sich an. Und wieder liegt der Stift in meiner Hand, weißes Papier zieht ihn magisch an.

Ein neuer Anfang kündigt sich an.